Hirtenbrief

Unser Bischof hat sich in einem Hirtenbrief an die Gläubigen gewandt. Hierbei geht er auch auf die momentanen Einschränkungen ein und ermutigt uns.

Sehr geehrte Herren Pfarrer, liebe Seelsorgerinnen und Seelsorger, Schwestern und Brüder!

Als zum 1. Fastensonntag mein Hirtenbrief an Sie erschien, konnte niemand ahnen, wie die kommenden Wochen und Monate aussehen würden. Viele Menschen sind erkrankt, nicht wenige bangen um ihr Leben. In dieser Situation sind viele unserer Freiheitsrechte massiv eingeschränkt. Wir müssen auf Kontakte und Begegnungen verzichten, um einander zu schützen und eine Verbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 zu verlangsamen.

Auch unsere gottesdienstlichen Angebote sind betroffen: Über Ostern hinaus können wir in der Öffentlichkeit, als Gemeinschaften vor Ort keine Gottesdienste feiern. Sie können sich vorstellen, dass dies eine der schwierigsten Situationen ist, in die wir als Kirche geraten können: Nicht mehr gemeinsam Gottesdienst und insbesondere Eucharistie feiern zu können, geht an den Kern unseres Glaubens. Ich danke allen, die diesen notwendigen Schritt mit Verständnis und Kreativität mittragen. Denn ich stelle fest, dass viele Menschen bei allen Ängsten und Sorgen in ihren Familien und Hausgemeinschaften und auch allein ein reges Gebetsleben entfalten. Viele folgen dem gemeinsamen Gebetsaufruf unseres Bistums, des Bistums Limburg und der evangelischen Kirche, beim abendlichen Läuten der Kirchenglocken eine Kerze anzuzünden und ein Gebet zu sprechen. Dies zeigt, dass wir uns gerade in dieser Krise als betende Gemeinschaft verstehen. Wir müssen dabei nur alle Formen meiden, die die Gefahr einer Ansteckung anderer in sich tragen. 

Ich bitte Sie alle um eine hohe Sensibilität im Umgang mit dieser Situation. Besonders hart treffen die Einschränkungen diejenigen unter Ihnen, die Hochzeit, Taufe, Erstkommunion oder Firmung feiern wollten und ihre Pläne jetzt ändern mussten. Ich verstehe gut, dass viele von Ihnen deshalb enttäuscht sind. Wie hart diese Einschränkungen sind, erfahren sicherlich vor allem diejenigen, die jetzt einen lieben Menschen verloren haben. Der Abschied von unseren Verstorbenen ist nur unter strengen Auflagen möglich. Für die Trauernden ist das sehr schmerzhaft. Was alle diese noch nie gewesenen Erfahrungen letztendlich für manche Menschen zur Folge haben, ist jetzt nicht absehbar. 

Auch für mich als Bischof sind die Erfahrungen der letzten Wochen nur schwer zu ertragen. Große Sorge mache ich mir um die alten, kranken und einsamen Menschen. Ich bitte alle, gut hinzuschauen auf die, die nun in besonderem Maße auf Kontakte und Hilfe angewiesen sind. Ich denke vor allem an die meist älteren Menschen, die keine digitalen Medien nutzen und damit von den Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten des Internets und der Sozialen Netzwerke ausgeschlossen sind. Ich bitte Sie, liebe Seelsorgerinnen und Seelsorger, auf diese Menschen bewusst zuzugehen und möchte Ihnen dazu einen konkreten Vorschlag machen: Vermutlich kennen Sie unter den regelmäßigen Gottesdienstbesuchern ältere Menschen, die allein leben und wenig Kontakte haben. Bitte rufen Sie gerade jetzt diese Menschen an! Mit einer solchen gezielten Telefoninitiative lässt sich ein Zeichen der Nähe und Zuwendung setzen. Vielleicht gibt es auch Ehrenamtliche aus den

Besuchsdienstkreisen, die in den Tagen vor Ostern bereit sind, solche „Telefonbesuche“ bei Gemeindemitgliedern machen.

Bei allem Schwierigen habe ich die starke Hoffnung, dass die Pandemie unser Zusammengehörigkeitsgefühl stärkt. Wir brauchen einander. Wir leben von der Rücksichtnahme aller, andere leben davon, dass ich meine persönlichen Bedürfnisse gegebenenfalls zurückstelle. Das sind Lernprozesse, die unsere Gesellschaft zum Positiven verändern mögen. Ich ermutige alle, die auf Hilfe und Zuspruch angewiesen sind, unsere Seelsorge in Anspruch zu nehmen.

Wir gehen auf die heiligen Tage der Karwoche und des Osterfestes zu. Im Dom werden wir Gottesdienste in einem bescheidenen Rahmen feiern und auch übertragen. Viele unserer Gemeinden tun dies ebenfalls. Auch über Fernsehen, Rundfunk und Internet können Sie Gottesdienste und Andachten mitfeiern. Daneben lade ich ein, in den Familien Hausgottesdienste zu feiern und gemeinsam zu beten. Bitte nutzen Sie die Möglichkeit, sich digital zu vernetzen und geistlich auszutauschen. Wer allein ist, kann so die Erfahrung der Gemeinschaft machen, die stärkt und tröstet. Auch das persönliche Gebet ist immer eingebettet in das große Gebet der Kirche. In den Tagen der Quarantäne habe ich erlebt, wie stärkend ein Gebetsrahmen im Alltag ist.

Ich wünsche allen die Erfahrung, nicht allein zu sein. Wir sind von guten Mächten treu und still umgeben, wie der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer glaubend bekannt hat – in der Einsamkeit seiner Gefängniszelle.

Ich will nicht versäumen, denen zu danken, die vor Ort und in Mainz geholfen haben, Entscheidungen zu treffen und auf die Krise zu reagieren, oft in sehr schnellen Schritten. Besonders Weihbischof  Dr. Udo Bentz und der Krisenstab haben sich dieser Aufgabe in herausragender Weise gestellt. Ich danke außerdem allen Pfarrern, Seelsorgerinnen und Seelsorgern, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich intensiv darum bemühen, auch jetzt bei den ihnen anvertrauten Menschen sein und dabei viel Kreativität entwickeln.  

Mein Blick geht auch über den kirchlichen Bereich hinaus: Großer Dank gilt allen, die oft unter persönlichem Risiko dafür sorgen, dass wir gut versorgt sind: Menschen in medizinischen Berufen, in Geschäften, die geöffnet bleiben, im öffentlichen Nahverkehr, in den Stadtwerken und an vielen anderen Stellen. Ihnen sei von ganzem Herzen gedankt. 

Liebe Schwestern und Brüder, ich will Sie ermutigen, die kommenden Wochen für sich geistlich zu gestalten. Ich bekräftige noch einmal meine Einladung, sich Zeit zu nehmen für das persönliche Gebet, das Lesen der Heiligen Schrift und für das gemeinsame Singen in der Familie. Für die Feier von Hausgottesdiensten in der Heiligen Woche empfehle ich Ihnen die Vorlagen, die im Referat Liturgie des Bischöflichen Ordinariats für Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag erstellt wurden. Sie erhalten sie mit diesem Schreiben und können diese sowie weitere Anregungen auf der Internetseite des Bistums abrufen (www.bistum-mainz.de).

Ihnen allen wünsche ich Gesundheit, den Kranken Genesung, Kraft und Hoffnung. Über allem möge Gottes Segen sein, der uns begleitet in guten und in schwierigen Zeiten. 

Für die kommenden Kar- und Ostertage wünsche ich Ihnen das Licht des Gekreuzigten und Auferstandenen.

 

Ihr

+ Peter Kohlgraf

Bischof von Mainz