Hirtenwort zur Bußzeit

"Teilen lernen, beten lernen, demütig werden - der heilige Martin als Begleiter für das Bistum Mainz" - so lautet das Hirtenwort unseres Bischofs.

Das Hirtenwort zum Download (bebilderte Version)

Das Hirtenwort in leichter Sprache zum Download

 

Liebe Schwestern und Brüder im Bistum Mainz!

Zur Fastenzeit sende ich Ihnen die herzlichsten Segenswünsche. Mögen die vierzig Tage der Umkehr und Versöhnung eine Zeit sein, die uns alle Gott und dem Mitmenschen näher bringt.

Nach der Bischofsweihe am 27. August des vergangenen Jahres durfte ich in unterschiedlichen Gremien des Bistums und unter anderem auch mit den Dekanen über die Zukunft der Seelsorge im Bistum Mainz sprechen. Weitere Gespräche werden folgen. So besuche ich im ersten Halbjahr 2018 alle Dekanate. Auf diese Weise hoffe ich, einen differenzierten Einblick in die Situationen vor Ort zu bekommen. Viele Menschen erwarten, dass bald Ideen auf dem Tisch liegen. Wir haben auch bereits über konkrete Fragen diskutiert. Ich bitte Sie jedoch darum, dass wir uns Zeit nehmen zum Hinschauen, zum geistlichen Innehalten und zum Austausch, damit künftige Wege keine isolierten Ideen des Bischofs oder einzelner Personen sind, sondern gemeinsame Anliegen. Derzeit holen wir Erfahrungen aus anderen Diözesen ein, die uns helfen sollen, für uns passende Schritte zu entwickeln. Vor jeder Aktivität, die wir entfalten, scheint es mir jedoch wichtig zu beschreiben, was die Aufgabe der Kirche heute sein muss. Wenn wir in dieser Frage eine gemeinsame Vision haben, werden wir auch im Konkreten sinnvoller handeln können.

Unser Bistumspatron ist der heilige Martin von Tours (316-397). Besonders in und um Mainz herum finden sich zahlreiche Martinspatrozinien, Kirchen und Schulen sind nach ihm benannt. Mindestens seit dem 8. Jahrhundert trägt der Dom in Mainz seinen Namen. Aber auch über Mainz hinaus genießt er hohe Verehrung. Der europäische Martinsweg, der 2016 eröffnet wurde, führt auch durch unser Bistum. Martin ist ein wirklich europäischer Heiliger: im heutigen Ungarn geboren, in Frankreich gestorben, durch seine Tätigkeit in vielen Regionen Europas präsent. Es lohnt sich, einen künftigen Weg von ihm begleiten und inspirieren zu lassen. An seinem Leben und Wirken lässt sich ablesen, wie das kirchliche Leben auch heute dem Evangelium gemäß gestaltet werden kann.

1. Mit dem heiligen Martin eine Kirche des Teilens werden

Natürlich fällt einem die Szene am Stadttor von Amiens ein, die sein Biograph Sulpicius Severus (*355) überliefert hat. Sie wird bis heute in vielen Orten am Martinstag nachgespielt und zeigt Kindern und Erwachsenen einen Heiligen, der den Mantel mit dem Bettler teilt. Tatsächlich ist dieses Verhalten für Martin typisch. Nachdem sein Vater ihn als 15-Jährigen zum Militärdienst angemeldet hatte, bekam er standesgemäß einen Sklaven zugeteilt. Statt sich von ihm bedienen zu lassen, behandelt er ihn als ebenbürtig. Der Herr zieht dem Sklaven die Schuhe aus, er putzt dessen Schuhe, er bedient ihn beim Essen, das sie gemeinsam einnehmen. Der Sklave wird zum Freund. Seinen Kameraden begegnet Martin mit Freundlichkeit, Geduld, Demut und Friedfertigkeit, was ihm deren Zuneigung und Bewunderung einbringt. Seinen Sold gibt er an Bedürftige, Arme und Kranke weiter. Übrigens zeigen die früheren Darstellungen der Szene mit dem Bettler Martin nicht auf dem Pferd sitzend, sondern Martin mit dem Bettler Auge in Auge. Das sind nicht nur freundliche Geschichten. Sie zeigen einen Menschen, dem das Evangelium in Fleisch und Blut übergegangen ist. Für unsere Zukunft stelle ich mir eine Idee von Seelsorge vor, die das Evangelium zur Grundlage nimmt und auf die Not der Zeit und der einzelnen Menschen antwortet. An erster Stelle kann dann nicht mehr die Frage stehen, wie wir Bestehendes erhalten, sondern wie wir das, was wir haben, für andere Menschen einsetzen können. Das ist ein grundsätzlicher Haltungswechsel. Kirche ist kein Selbstzweck, sie ist berufen, den Weg Christi zu den Menschen zu gehen. Eine solche Haltung wird zwangsläufig konkret, auch wenn es um die Frage geht, wie wir unser Geld gestalterisch und verantwortungsvoll verwenden können. Es geht nicht um Selbsterhalt, sondern letztlich um selbstlosen Dienst. Können wir es akzeptieren, dass andere in der Kirche für ihre Anliegen und Projekte finanzielle Mittel bekommen, die uns selbst vielleicht beschnitten werden? Der Haltungswechsel muss sich auch darin zeigen, dass caritatives Handeln nicht allein Sache von Spezialisten unserer Caritas ist, sondern Auftrag jedes und jeder Getauften. Viele Menschen engagieren sich ja in unseren Gemeinden, Verbänden und an vielen Orten, wo Hilfe gebraucht wird. Den haupt- und ehrenamtlich Tätigen in der Caritas danke ich herzlich, denn sie geben ein Zeugnis des gelebten Evangeliums.

Martin teilt jedoch nicht nur materiell. Er teilt seine Zeit, sein Leben, seine Aufmerksamkeit. Und er teilt seinen Glauben. Neben den vielen diakonischen Feldern müssen wir eine neue Freude und Begeisterung für das Teilen des Glaubens entwickeln. Martin ist verkündigend unterwegs, und er thematisiert seinen Glauben. Er kann aus seinem Glauben heraus sogar Wunder wirken, die Welt verändern. Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass der christliche Glaube nicht mehr selbstverständlich von Generation zu Generation weitergegeben wird. Umso dankbarer bin ich allen Müttern und Vätern, die sich bemühen, dass in ihrer Familie der Glaube zur Sprache kommt. Wir werden aber mehr und mehr eine Katechese entwickeln müssen, die nicht nur Kinder und Jugendliche im Blick hat. Auch das erfordert ein erhebliches Umdenken. Glauben weiterzugeben darf auch nicht nur ein Thema Hauptamtlicher sein, sondern jedes und jeder Getauften, denen der Glaube an Gott wichtig ist. Eine Kirche, die den Glauben nicht in die Öffentlichkeit bringt, verrät ihren Auftrag. Die Priester, Diakone, Seelsorgerinnen und Seelsorger sowie unsere Erzieherinnen und Erzieher, die Religionslehrerinnen und -lehrer leisten hier einen grundlegenden Dienst. Daneben engagieren sich viele Frauen und Männer ehrenamtlich für die Weitergabe des Glaubens. Aber wir alle dürfen unsere Verantwortung nicht auf sie allein abwälzen.

2. Mit dem heiligen Martin eine Kirche des Betens werden

Martin gründet Klöster, in denen Menschen leben, die sich von seiner Liebe zum Gebet anstecken lassen. Aus dem Gebet heraus entsteht die Mission, die Sendung in die Welt. Für Martin ist die Liturgie und das persönliche Beten eine unverzichtbare Quelle. Wenn wir uns auf neue Wege im Bistum begeben, dann geht es nicht darum, immer noch mehr und noch mehr zu tun. Unser Handeln wird dann sinnvoll, wenn es aus dem Vertrauen auf Gott kommt, aus seinen Quellen. Bei Martin stehen Liturgie und Gebet nicht isoliert neben anderen Tätigkeiten, sondern sie sind Antrieb für die Mission und seine Zuwendung zur Welt. Ich stelle mir vor, dass er das, was er in der Welt und bei den Begegnungen erlebt hat, dann wieder in die Liturgie und in das Gebet mitgenommen hat. Martin steht nicht für eine Frömmigkeit eines Rückzugs in eine fromme, heile Welt. Er ermutigt uns heute, nach einer Frömmigkeit zu suchen, die sich in der Welt bewährt, die auch intellektuell reflektiert auskunftsfähig bleibt.

3. Mit dem heiligen Martin eine demütige Kirche werden

Die Legende berichtet, wie sich Martin sträubt, Bischof zu werden. Er muss bei vielen seiner Mitbrüder erleben, wie sie sich über die Macht definieren, sich beim Kaiser als Höflinge andienen, um sich und ihren finanziellen und gesellschaftlichen Status zu sichern. Martin lebt auch als Bischof weiter in der Klosterzelle, er trägt bescheidene Kleidung, er zeigt bei Gelegenheit dem Kaiser, dass ihn dessen weltliche Macht nicht beeindruckt. Martin ermutigt zur kirchlichen Selbstkritik und Selbstbescheidung. Wir reden in der Kirche und in manchen Debatten zu viel über Macht. Wir werden auch in der Kirche anerkennen müssen, dass wir an pastoraler Macht über Menschen und vielleicht auch an politischem Einfluss verlieren. Ich finde das nicht schlimm. Ein Beispiel mag dies belegen. Die teilweise heftigen Diskussionen um Aussagen des Papstes über Ehe, Familie und den Umgang mit Menschen in verwundeten Situationen zeigen, dass wir uns nicht leicht damit tun. Das heißt ja nicht, dass wir nicht den Anspruch der Kirche und unsere Ideale vertreten müssten. Der einzige Weg jedoch, sie zu vermitteln, besteht heute darin, mit Argumenten zu überzeugen und die Gewissen bilden zu helfen; und er besteht darin, Menschen in den unterschiedlichen Situationen Unterstützung und Begleitung anzubieten, die ihrer Situation und dem Evangelium gleichermaßen gerecht werden. Der Biograph des heiligen Martin betont ausdrücklich, dass seine wichtigsten Haltungen Demut und Gnade waren – gute Haltungen, auch heute den Menschen zu begegnen. Was die politische Dimension kirchlichen Lehrens und Handelns angeht, werden wir uns nicht in das stille Kämmerlein verbannen lassen. Der heilige Martin steht aber für eine prophetische Distanz zu weltlicher Macht und zum Besitz, sollte sich die Kirche hierin zu sehr beheimaten.

Teilen lernen, beten lernen, selbstkritisch bleiben – der heilige Martin möge uns fürbittend begleiten und an die Hand nehmen. Er ist ein guter Patron für unsere Wege, die wir gehen.

Mit Gruß und Gottes Segen
im Namen des + Vaters, des + Sohnes und des + Heiligen Geistes
bin ich

Ihr

+Peter Kohlgraf
Bischof von Mainz

Mainz, am 1. Fastensonntag 2018