Hirtenwort

Unser Bischof Peter Kohlgraf hat in seinem diesjährigen Hirtenwort zur Österlichen Bußzeit „die einladenden Seiten“ der katholischen Kirche betont.

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Liebe Schwestern und Brüder im Bistum Mainz!

Welchen Glauben haben Sie? – In einem seiner Programme lässt der Kabarettist Konrad Beikircher einen Rheinländer auf diese Frage antworten: „Normal.“ Damit ist bei ihm natürlich die katholische Konfession gemeint. Sie ist der „normale Glaube“ für einen alteingesessenen Rheinländer. Wohlgemerkt: Es handelt sich hier um ein Kabarettprogramm.

Die Christinnen und Christen der ersten Jahrhunderte hätten es wohl ähnlich selbstbewusst formuliert. Sie bekannten sich als katholisch und meinten damit die Zugehörigkeit zu einer alle Menschen und alle Welt umspannenden Glaubensgemeinschaft. Etwas Anderes hätten sie sich nicht vorstellen können. So war es mit Höhen und Tiefen über viele Jahrhunderte.

Die Situation verändert sich heute spürbar. Auch dem freundlichen Rheinländer kommt das Bekenntnis zum „normalen“ Glauben in der Zugehörigkeit zur katholischen Kirche nicht mehr derart leicht über die Lippen. Wer hoch zu stehen meint, kann umso tiefer fallen. Das ist auch die aktuelle Wahrnehmung für mich und für viele Menschen, die um den Glauben ringen, angesichts der Situation der katholischen Kirche.

Wenn ich in diesem Schreiben über die einladenden Seiten meiner Kirche nachdenken will, tue ich das nicht, um ihre schlimmen Seiten kleinzureden: Sünde und viel Dunkel haben den kirchlichen Alltag geprägt, und diese Seite wird bei allem redlichen Bemühen nicht auszumerzen sein. Meine Gedanken sind auch nicht als eine irgendwie geartete Abwertung anderer Kirchen und Konfessionen zu verstehen. Aber das Christentum gibt es nun einmal nur in konkreten konfessionellen Ausdrucksformen. Meine Geschichte und meinen Alltag prägt die katholische Tradition. Sie ist aus meinem Leben nicht wegzudenken.

Wenn manche Theologinnen und Theologen in der langen Tradition der Kirche Bilder für das Katholischsein gesucht haben, sind ihnen die weiten, offenen Arme des gekreuzigten Christus eingefallen, der alle Menschen an sich ziehen will. Sie konnten auf sein offenes Herz verweisen, aus dem die Sakramente der Kirche entspringen. Katholisch sein hieß immer auch, Spannungen auszuhalten, sich den Fragen der Welt zu stellen, sein eigenes Herz und seinen eigenen Verstand zu gebrauchen und sich von Christus geliebt zu wissen. Katholisch sein hieß immer, diese Erfahrung allen Menschen zu wünschen und sich nicht egoistisch in die eigene Glaubenswelt zurückzuziehen.

Ich will kurz begründen, wie ich zu diesem Thema des diesjäh- rigen Hirtenbriefs komme. Wir stehen in der katholischen Kirche in Deutschland am Beginn des „Synodalen Wegs“, der sich mit schon lange schwelenden Themen befasst. Hintergrund sind die Verbrechen des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Schutzbefohlenen durch Kleriker. In den verschiedenen Foren des Synodalen Wegs werden wir uns mit den Themen der Macht, der Sexualmoral, der priesterlichen Lebensform und der Rolle der Frau in Diensten und Ämtern in der Kirche befassen.

Ich erschrecke immer wieder, wenn in unterschiedlichen Zusammenhängen aggressive Stimmen denen sagen, die Veränderung anmahnen, sie sollten doch aus der Kirche austreten und evangelisch werden; dort seien ja alle Forderungen erfüllt – besser gehe es den evangelischen Geschwistern aber auch nicht.

Was macht uns denn als Katholikinnen und Katholiken aus? Ist es unsere entscheidende Identität als Katholiken, dass wir keine Frauen weihen, dass wir praktizierte Sexualität außerhalb der Ehe für Sünde halten, dass Priester nicht heiraten dürfen und wir Bischöfe keine echte Kontrolle unserer Amtsführung zulas- sen? Natürlich, das sind die bekannten Themen, die viele mit der katholischen Kirche verbinden. Doch hilft mir dies alles auf dem Sterbebett, wenn ich vor der entscheidenden Begegnung meines Lebens stehe? Ist Gott so klein, wie wir Menschen ihn mit unseren Grenzen, Vorschriften und Normen oft machen?

Das sind ernst gemeinte Fragen. Meine Identität als Katholik ist doch nicht in erster Linie das Verbot, die Verhinderung, das Klammern an Amtsvollmachten. Damit rede ich nicht der unreflektierten Erfüllung aller Erwartungen das Wort. Aber eine positive Suche nach der katholischen Identität spielt in unseren Debatten nur selten eine Rolle. Wir grenzen ab. Und wie oft wird denen, die sich mit dem Althergebrachten schwertun, das Katholischsein abgesprochen! Mich beunruhigen der aggressive Ton und das harte Urteilen über andere. Mit einer solch aggressiven Präsentation in der Öffentlichkeit werden wir niemanden ermutigen, sich mit der Schönheit des Evangeliums auseinanderzusetzen. Als Bischof lade ich ein zur verbalen Abrüstung und zur Hinkehr zum Wesentlichen.

Was heißt denn überhaupt: „katholisch sein“?

Mir hilft ein Blick in den „Katechismus der Katholischen Kirche“. Dort werden vier Kriterien der Kirche als „katholische Kirche“ genannt: das eine Glaubensbekenntnis, die Erfahrung der Sakramente, das apostolische Amt und die Tradition sowie die Einheit der Weltkirche (KKK 830–856).

Der gemeinsame Glaube

Das Glaubensbekenntnis, das wir im Gottesdienst beten (und das uns mit anderen christlichen Kirchen verbindet), fasst den Glauben zusammen. Der christliche Glaube ist nicht beliebig, er hat einen Inhalt. Die Texte der Bekenntnisse und Dogmen sind Ergebnisse langen Ringens. Sie entstehen nicht am Schreibtisch, sie sind Ergebnis intensiven Suchens und tiefer Glaubenserfahrung.

Wenn ich das Neue Testament betrachte, sehe ich vier Evangelien, die vielen Briefe der Apostel und andere Texte. Die Zugänge zu Jesus Christus sind vielfältig. Am Anfang steht nicht das eine Dogma, sondern die vielen Erfahrungen mit dem Auferstandenen. Wenn wir das „Credo“ – das „Ich glaube“ – beten, geht es nicht um einen abstrakten Text, der Wissen zusammenfasst. Ich mache es immer mehr zu meinem persönlichen Bekenntnis: „Ich glaube dir, Vater; ich glaube dir, Sohn; ich glaube dir, Heiliger Geist; aus eurer Gemeinschaft entstammt die Kirche, die Vergebung der Sünden, die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.

Es ist das persönliche Taufbekenntnis, das hier ins Wort kommt. In aller Vielfalt der Glaubenserfahrungen gibt es ein Verbindendes: „Jesus Christus ist im Fleisch gekommen.“ Er ist Mensch geworden. An diesem Bekenntnis hängt der katholi- sche Glaube, so formuliert der Erste Johannesbrief (1 Joh 4,2). In den großen musikalischen Vertonungen des Credo wird das „et incarnatus est – und hat Fleisch angenommen“ – immer besonders herausgestellt. Wenn Gott in Jesus Fleisch wird, ist der katholische Glaube sinnlich, lebensbejahend, leibfreund- lich, menschenfreundlich. Katholisch zu sein heißt, mit allen Sinnen an Gott zu glauben und zu feiern. Unser Kirchenjahr ist bunt, es geht um das Leben in Fülle (Joh 10,10). Der katholische Gottesdienst ist bunt, er wird geprägt vom Wort, von der Musik, vom Sakrament, von der Vielfalt der Menschen, vom Duft des Weihrauchs und der Blumen, vom Licht, den Farben und vielem anderen. Katholisch sein geht nur als ganzer Mensch mit Leib und Seele. Mit meiner katholischen Tradition verbinde ich Wallfahrten, eine Vielfalt von Gottesdienstformen, eine positive Sicht auf den Menschen und seine Fähigkeit zum Guten und eine grundsätzlich bejahende Einstellung zum Leben. Sogar die Fassenacht hat eine unübersehbare Nähe zur katholischen Lebensfreude. Am Ende des Lebens erhoffe ich mir die Auferweckung des Leibes und eine ewige Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott in der Gemeinschaft aller Heiligen.

Die Erfahrung der Sakramente

Die Sakramente leben aus den Zeichen und dem deutenden Wort. Sie sind Berührungen eines liebenden Gottes, Zeichen seiner Nähe. Wenn Gott den Menschen liebt, sagt er das nicht nur, sondern er zeigt ihm dies in seiner Berührung. Das sind die Sakramente der Kirche. Sie begleiten den Glaubenden von der Geburt, über das Erwachsenwerden bis in die schwere Krankheit und das Sterben. Sie sind Nahrung und Stärkung auf den Wegen des Lebens. Gott lässt die Menschen auch in der Schuld nicht allein. Im Sakrament der Ehe werden liebende Menschen selbst zum sakramentalen Zeichen, indem sie sich einander hingeben und Leben und Liebe weitergeben. In der Weihe nimmt Christus schwache Menschen in den Dienst an der Gemeinschaft.

Katholisch sein bedeutet, sich berühren zu lassen in den Sak- ramenten. Das Leben wird groß und unendlich weit. Und wie Papst Franziskus sagt: Sakramente sind nicht Belohnung für die Vollkommenen, sondern Heilmittel für die Schwachen.

Amt und Tradition

Die Heilige Schrift ist die Grundlage unseres Glaubens. Das Amt und die Tradition verbinden uns mit den Ursprüngen der Kirche. Katholisch sein heißt auch, Ehrfurcht vor denen zu haben, die vor uns geglaubt haben. Das kirchliche Amt repräsentiert Christus in der Mitte der Kirche. Tradition als Wirken des Geistes Gottes kann aber nicht nur als Weitergabe starrer Formen und Sätze gedeutet werden. Es gibt natürlich einen roten Faden in den Veränderungen der Zeit: den Glauben an Christus, in dem sich Gottes Liebe offenbart. Selbstverständlich hat sich auch manches in 2000 Jahren verändert. Der Glaube ist kein toter Stein. Um Christus heute zu bezeugen, kann es sein, dass sich Formen verändern müssen, um die Relevanz und die Echtheit der Botschaft zu bewahren. Reine Unveränderlichkeit kann genau das Gegenteil bewirken, dass der Glaube in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. Es kann nicht das Ziel kirchlicher Verkündigung sein, die Kirche zur kleinen Gruppe der selbsternannten Seligen zu verwandeln.

Was hier nur angedeutet werden kann, ist die schwierige Aufgabe für heute: Formen der Evangelisierung zu finden, die die Wahrheit Gottes hier und jetzt lebendig und überzeugend wer- den lassen. Die ewige Wahrheit Gottes aufleuchten zu lassen, kann Veränderung in den Verkündigungsformen, in den kirchlichen Strukturen und in der Sprache erfordern: weil Menschen und ihre Horizonte sich ändern. Was zum Wesen der Kirche gehört und was verändert werden muss, lässt sich nur in ge- meinsamen Glaubenswegen und durch geistliche Unterscheidungsprozesse herausfinden. Solche wollen wir in Deutschland versuchen, und auch der Weltkirche bleiben sie nicht erspart.

Der Papst und die Weltkirche

Ohne die Verbindung zum Papst kann es keine katholische Identität geben. Auch die Kirche in Deutschland kann nur in der Einheit mit dem Papst katholisch bleiben. Und das in allen Fällen, nicht nur, wenn der Papst uns oder mich persönlich bestätigt. Weltkirche zu sein, ist ein großer Reichtum, um den uns andere auch beneiden. Papst Franziskus selbst hat immer wieder auf die Spannung zwischen Ortskirche und Weltkirche hingewiesen; er hat zu einer größeren Vielfalt und zu weniger Zentralisierung ermutigt. Was das konkret heißen kann, muss vielleicht auch in vielen Themen diskutiert und ausprobiert werden. Katholisch sein geht als Weltkirche nur in der Vielfalt der Kulturen und der Einheit im Glauben.

Ich wünsche mir, dass wir mit Gottes Hilfe wirklich katholisch bleiben. Nicht abgrenzend, sondern einladend, menschen- freundlich, mit offenen Armen, einem großen Herzen und einem weiten Verstand. Offen für Neues und treu zur alten Botschaft, lebensbejahend und interessiert an allem, was die gute Welt Gottes uns bietet. Klar im Bekenntnis zu seiner Liebe in Jesus Christus, kritisch gegenüber allem, was dem Menschen schadet und Gottes Ehre in Frage stellt. Das bedeutet für mich, katho- lisch zu sein.

Hören wir auf, einander das Katholischsein abzusprechen, weil manche in der Kirche Fragen stellen und nach neuen Wegen suchen. Hören wir auf, auf die herabzuschauen, die sich mit dem Neuen schwertun. Es geht nur im Vertrauen, in der Liebe und der gegenseitigen Ehrfurcht. Kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs schreibt Edith Stein ihrer Schwester Erna: „Den Glauben möchte ich dir beibringen, dass die Entwicklung, deren Gang wir nur in sehr bescheidenen Grenzen vorausahnen und in noch viel bescheideneren Grenzen mitbestimmen kön- nen, letzten Endes eine gute ist.“4

Auf unseren Wegen segne uns der dreieinige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

+ Peter Kohlgraf, Bischof von Mainz

Mainz, am 1. Fastensonntag 2020

 

 

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