Predigt des Domdekans

Am 8.12.2019 war es 75 Jahre her, daß Alfred Delp seine Gelübde - die Vincula amoris - ablegte. Hierzu hielt Domdekan Heinz Heckwolf die Predigt.

Vielen Dank an Domdekan Heckwolf für die Gestattung die Predigt zu veröffentlichen.

„Vincula amoris“

Heute vor 75 Jahren, am 08. Dezember 1944, legte Pater Alfred Delp SJ im Gefängnis in Berlin – Tegel seine endgültigen Gelübde ab. Daran erinnern wir uns heute.

Es waren damals dunkle Zeiten in der Welt, in Deutschland, im Gefängnis in Tegel und im Herzen von Pater Alfred Delp.

Die Welt war im Krieg! Deutschland lag in Trümmern, viele Städte zerbombt: Mannheim, Ludwigshafen, Darmstadt und viele andere. Familienväter waren als Soldaten im Krieg. Es gab Gefallene, Kriegerwitwen und Kriegswaisen. Menschen waren eingesperrt in Konzentrationslagern und Gefängnissen wegen ihrer politischen Einstellung, wegen ihrer Glaubensüberzeugung, wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe.

Dunkelheit lag auch über dem Gefängnis in Tegel, obwohl das Licht in den Gefängniszellen die ganze Nacht über brennen musste. Unwirtliche Zustände. Die Zellen nicht frei von Ungeziefer. Die Gefangenen gefesselt.

Dunkel war es im Herzen des Gefangenen Nr. 1442: Alfred Delp. Als einziger durften ihn der Gefängnispfarrer nicht mehr in seiner Zelle besuchen. Man wollte Delp isolieren, damit er auf das Angebot einging, aus dem Jesuitenorden auszutreten. Delp litt unter der Ungewissheit über seine eigene Zukunft. Was wird werden? Alle Trümpfe seien ihm aus der Hand geschlagen, alle Selbstsicherheit liege in Scherben, so schreibt er: „So bin ich jetzt gestellt, in eine enge Zelle gesperrt und gebunden: es gibt nur zwei Auswege: den über den Galgen in das Licht Gottes und den über das Wunder in eine neue Sendung“[1]

Dann nagte noch etwas an ihm. Eigentlich wäre er im Sommer 1943 an der Reihe gewesen, die letzten Gelübde abzulegen und sich damit endgültig an den Jesuitenorden zu binden. Er wurde nicht zugelassen. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Delp litt an der Aufschiebung der Gelübde. Kurz nachdem er ein Jahr später doch zugelassen wurde, wird er verhaftet, der Gelübdetag fällt wieder aus. Delp machte das sehr zu schaffen.

Dann die Nachricht am 8.12.1944 durch einen Bestellzettel im Wäschekorb, dass heute der ausgefallene Gelübdetag sei.

Man muss sich das vorstellen: Endgültige Ordensgelübde - aber keine festlich geschmückte Kirche mit Kerzenschein und Weihrauchduft, kein Adventskranz, kein feierliches Glockengeläute, keine festliche Orgelmusik, sondern Gefängnisalltag. Im Besucherraum des Gefängnisses Berlin-Tegel wartet P. Franz von Tattenbach, der Vertreter des Jesuitenordens. Zu dem offiziell angesagten Besuch kommt Alfred Delp in seiner zivilen Kleidung, nicht gefesselt, in Begleitung eines Gefängnisbeamten.  Sie nehmen an einem Tisch Platz. P. von Tattenbach berichtet: „Zuerst die gewöhnlichen Grüße… dann wurde die Sache mit Rechtsanwalt ausdrücklich und länger besprochen…. Dann merkte ich…dass es nun höchste Zeit sei, zu dem eigentlichen Thema zu kommen und sagte zu dem Beamten, ich hätte noch eine juristische Sache zu erledigen. Rein intern für den Orden…ein lateinischer Text, der unterschrieben werden müsste.“[2]

Da wurde der Wachmann plötzlich unruhig und stellte Fragen. P. von Tattenbach sagt: „Ich kann mich nicht mehr erinnern, worauf er … Ruhe gab und Delp die Möglichkeit gab, den Text zu lesen. Delp nahm das Blatt, las es und sank zurück… Ich sagte ihm, wenn er tatsächlich diesen Schritt tun wollte, müsste er dieses unterschreiben. Daraufhin nahm er den Füller und unterschrieb… mir fiel rechtzeitig ein, dass zur Gültigkeit er ja nun den Text lesen musste und musste ihn fast also zwingen, dass er sich nun noch bereit fand, den Text nochmals zu sprechen, nicht bloß zu lesen. Das gelang dann mit sehr bewegter und gebrochener Stimme und nun merkte ich, wie sehr er von dem ganzen Vorgang erschüttert war.“[3]

Alfred Delp brachte erst später seine Betroffenheit auf die kurze Formel, dass angesichts der „Fesseln der Liebe“, der „vincula amoris“ – also der Gelübde - andere Fesseln nicht mehr zählten.

Am 09. Dezember 1944 schrieb er, die niedergeschriebene Gelübdeformel würde ich „bombensicher aufheben“. Es wäre für alle Beteiligten bedauerlich, wenn sie verloren ging[4]. Dieses Schriftstück wurde aufbewahrt. Der Orden hat es uns zur Verfügung gestellt. Hier liegt es auf dem Altar.

Alfred Delp hat für den Kirchenanzeiger St. Michael in München 1938 über die Bedeutung der Gelübde geschrieben:

„Der Inhalt dieser Gelübde aber ist die völlige Weggabe seiner selbst. Gelübde gehen immer auf Gott, und wer sich prüft und berufen weiß zu diese Großleistung menschlicher Freiheit, der weiß, dass er nicht auf sich und nicht für sich schwört. Er hat auf alle Ausrichtung seines Lebens auf sich hin zu verzichten, er strebt nicht nach Besitz und er strebt erst recht nicht nach irgendwelchen Einflüssen, nach irgendwelcher Macht. Sein Leben ist fortan Dienst“…. Weiter heißt es:

„Gelübde gehen immer auf Gott, und der Sinn der Gelübde, …ist eben eine volle Auslieferung des Menschen an seinen Gott…. Das Leben aus diesen Gelübden wird ein Leben des Dienstes und der Sendung sein.“[5]  -  Mit diesen Worten hat Alfred Delp sich selbst beschrieben. Es geht ihm also um das Versprechen, sich restlos und ganz dem Sendungsbefehl Christi zur Verfügung zu stellen. Das wollte Alfred Delp. Darauf hat er sich 15 Jahre vorbereitet, 15 Jahre wurde er vom Orden erprobt. Die Gelübde markieren einen großen Einschnitt in Alfred Delps Leben. Die folgenden Wochen erlebte er getragen von der Gnade der Gelübde. Er schreibt: „Von daher lebe ich jetzt. Der Herrgott hat mir einen festen Punkt in seinem Universum geschenkt, auf den ich lange gewartet habe. Alles andere ist ja sekundär.“[6] Am 08.12.1944 hatte er diesen Punkt in seinem Leben erreicht.

Es ist nicht leicht, das vielfältige Leben eines Menschen auf einen Nenner, auf ein Grundthema zu bringen. Unser verstorbener ehemaliger Bischof, Kardinal Lehmann, hat einer seiner Aufsatzsammlungen den Titel gegeben: „Glauben verkünden, Gesellschaft gestalten“. Dieser Buchtitel ist geeignet, auch das Leben Alfred Delps zusammen zu fassen: Gesellschaft gestalten: Delp hatte ein leidenschaftliches Engagement für den Menschen und die menschliche Gesellschaft. Die „soziale Frage“ beschäftigte ihn unter dem Stichwort, das er selbst einmal verwendete „nach Gottes Ordnung und in Gottes Freiheit“. Als Redakteur der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ beschäftigte er sich mit der sozialen Frage im wirtschaftlichen und politischen Leben. Als Gesprächsteilnehmer des „Kreisauer Kreises“ war dies sein Thema: Wie wird das Zusammenleben der Menschen in einem Staat gestaltet? Welche Prinzipien sollen gelten?

Auch das zweite Stichwort trifft auf ihn zu: Glauben bezeugen. Den Glauben bezeugt hat er als Pfarrvikar in München-Bogenhausen, als Männerseelsorger in vielen Vorträgen und Predigten, als Redakteur der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ und dann vor allem in der Zeit zwischen der Haft und der Hinrichtung, in der Zeit seines ganz persönlichen Advents. Es ist beeindruckend zu lesen, was er in dieser Zeit zu Papier gebracht hat, wie er menschlich und spirituell, nicht zuletzt als Priester und Jesuit, gewachsen ist oder genauer gesagt, wie er gerade angesichts der Abgründe des drohenden Todes in eine tiefe Gleichförmigkeit mit Jesus Christus hineingewachsen ist.

Die letzten Worte, die aus seiner Todeszelle kamen, lauten: „Glauben und beten. Danke“

Glauben – an einen persönlichen Gott, glauben an den Schöpfer der Welt und des Menschen, glauben an die Erlösung durch Jesus Christus, glauben an die Gegenwart Gottes. „Die Welt ist Gottes so voll“ - sagt er einmal.

Glauben und beten -  mit dem persönlichen Gott in Beziehung treten, sich von ihm senden zu lassen, sich ihm ganz übergeben – das war sein Leben.

Alfred Delp kennzeichnet ein Gebet, das Ignatius von Loyola formuliert hat:

„Nimm hin, o Herr, meine ganze Freiheit. Nimm meinen Verstand, mein Gedächtnis, meinen ganzen Willen. Was ich bin und was ich habe, habe ich von dir, und ich gebe es dir voll und ganz zurück. Deine Gnade gib mir und deine Liebe und ich habe genug, und ich will nie nach etwas Anderem begehren. Amen.

 


Quellen:

[1] Bleistein, Roman „Alfred Delp, Die Geschichte eines Zeugen“, Frankfurt, 1989, S. 336

[2] ebd., S. 333

[3] ebd., S. 333

[4] ebd, vgl. S. 334

[5] Delp, Afred, „Gesammelte Schriften“, Band I, Hrsg. Roman Bleichstein, Frankfurt, 2. Aufl. 1985, S. 237-238

[6] Bleistein, Roman „Alfred Delp, Die Geschichte eines Zeugen“, Frankfurt, 1989, S. 335